Bericht Teil 1 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Teil 1 des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Der Tag der Show
Andreas und ich hatten das Mittagessen in einem japanischen Restaurant eingenommen. Ich nutzte die Gelegenheit um Andreas Pink Floyd und ganz speziell 'The Wall' noch ein wenig näherzubringen, ohne ihm jedoch Details zur Show zu verraten. Bisher hatte er sich kaum mit der Gruppe und der Musik befasst und ich hatte ihm deutlich gemacht, dass unsere Freundschaft extrem darunter leiden würde, wenn er sich die Show in Chicago nicht mit mir gemeinsam ansehen würde. Also blieb ihm nichts anderes übrig als in den sauren Apfel zu beißen.
Roger Waters hatte vier Konzerte in Chicago geplant. Nachdem seine ‘The Wall‘-Tour am 15. September in Toronto, Kanada begonnen hatte und er dort zwischenzeitlich drei Konzerte gegeben hatte, führte ihn sein Weg am 20. September nach Chicago, der zweiten Station seiner US-Tour. Hier sollten insgesamt vier Shows gezeigt werden.
Ich hatte mir bewusst Tickets für den zweiten Konzertabend in Chicago besorgt um sicherzugehen, dass eventuell auftretende Schwierigkeiten, die mit den lokalen Rahmenbedingen zusammenhingen für den zweiten Abend ausgeräumt worden waren. Außerdem hatte ich auf diese Weise Gelegenheit noch vor dem Konzert eine ausführliche Konzertrezession der 'Chicago Tribume' zu lesen und mich ein wenig einzustimmen.
Als ausländischer Besucher musste man seine Tickets am Veranstaltungstag an der Tageskasse der Arena abfordern. Waters hatte das ‘United Center‘ für seine Show gebucht. Das 'Will Call'-Box Office war an den Veranstaltungstagen laut einer speziellen E-Mail-Info von RogerWaters.com ab 11:00 Uhr morgens geöffnet, ausreichend Zeit also, die Tickets abzuholen.
Andreas und ich setzten uns gegen 16:00 in ein Taxi und fuhren zur Konzerthalle.
Bericht Teil 2 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Teil 2des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Vor dem Konzert
Nach den Angaben auf der Bestätigungs-E-Mail des Ticketkaufes sollte das ‘United Center‘ seine Pforten um 18:30 Uhr öffnen und das erwartungsvolle Publikum einlassen. Der Start der 'Wall‘-Show war für Punkt 20:00 Uhr geplant - so stand es jedenfalls auf den Tickets.
Laut Wikipedia ist das 'United Center' die derzeit größte Halle der Vereinigten Staaten, zwar lediglich bezüglich der Abmessungen und nicht hinsichtlich der Zuschauerkapazität, trotzdem sollen pro Live-Konzert bis zu 23.500 Menschen Platz finden. Aufgrund der Besonderheiten der 'The Wall'-Show von Roger Waters mit der übergroßen Bühnenkonstruktion ist diese - auch für sonstige Hallenverhältnisse - hohe Anzahl von Konzertbesuchern kaum realisierbar. Trotzdem sollten auch bei dieser Show sicherlich über 18.000 Fans pro Abend Gelegenheit haben die Show live zu verfolgen.
Die Tore zur Arena wurden wenige Minuten nach 18:30 Uhr geöffnet.
Bericht Teil 3 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Teil 3 des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Das Konzert
Obwohl auf dem Ticket stand, dass das Konzert pünktlich um 20:00 Uhr beginnen sollte, verzögerte sich der tatsächliche Beginn um ca. 10 Minuten. Wenn man so will, kann man die ersten Soundeinspielungen, die über die PA an die Ohren der Fans drangen, als Ouvertüre bezeichnen. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, hatte aber im Nachhinein den Eindruck, dass es wohl etwa 10 Minuten gedauert hat, bis der zwischenzeitlich schon bekannte Obdachlose mit seinem Einkaufswagen und dem großen Schild mit der Aufschrift 'Run' als neuer 'Master Of Ceremonies' den Start der Show ankündigte. In dieser kleinen Ablenkungsphase konnten die Musiker vom Publikum weitgehend unbemerkt ihre Position einnehmen.
Waters beginnt seine 'Wall'-Show so, wie andere ihre Auftritte bestenfalls beenden: Mit einem beeindruckenden Indoor-Feuerwerk
Bericht Teil 4 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Freitag, den 24. September 2010 um 22:49 Uhr |
Teil 4 des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Während bei 'Another Brick In The Wall, Part 1' der Fortschritt des Mauerbaus bereits deutlich erkennbar wird und Waters zum Bass gegriffen hatte, reduziert sich die Beleuchtung der Bühne beim Start von 'Happiest Days Of Our Lives' auf ein Minimum.
Zum herbeifligenden Surround-Sound des Helikopters zeigt Mr. Screen einen Teil der israelischen 'Schutzmauer' auf dem der Graffiti-Schriftzug "I Believe" zu lesen ist - eine Aussage, die sich auch auf einem Merchandizing-T-Shirt findet. Ein Blick an die Hallendecke vor Beginn der Show überzeugt übrigens auch Technik-Laien, dass Waters am Ton nicht spart. Neben zwei mächtigen PA-Anlagen rechts und links über der Bühne, finden sich weitere, fette Lautsprechertrauben unter dem Arena-Dach in der Hallenmitte. Diese sind so angeordnet, dass sie in alle Richtungen abstrahlen können und auf diese Weise das gesamte Areal optimal beschallen. Der Helikopersound demonstriert eindrucksvoll welche Mühe sich die Soundtüftler der Live-Tour gegeben haben. 'Kraftvoll' und 'umwerfend' sind Adjektive, die dem Erlebten nur bedingt Rechnung tragen können. Vorne auf der dunkelrot ausgeleuchteten Bühne symbolisiert ein beweglicher Verfolgerspot den Suchscheinwerfer des Helikopers. Dieser lenkt das Publikum davon ab, dass rechts die aufblasbare Lehrer-Puppe in Position geht.
Als man dann den Teacher nach Pink schreien hört, wird die nun vollständig aufgeblasene Puppe in gleißendes, weißes Spotlicht gehüllt und zu Beginn des Songs 'The Happiest Days Of Our Lives' beginnt die neu gestaltete und deutlich buntere Lehrer-Marionette mit dem Stock zu schwingen und sich langsam - wie in Zeitlupe - zur Bühnenmitte zu bewegen. Während Waters dort zentral positioniert ist, weiß angestrahlt wird und den Liedtext singt, wird der Rest der Band weiterhin von den Bühnenseiten aus mit rotem Licht ausgeleuchtet. Die Mauerränder scheinen Plakate mit dem 'Crossed Hammer'-Symbol zu tragen - natürlich ein Beleuchtungseffekt über die riesigen Videobeamer an der Hallendecke.
Bericht Teil 5 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Teil 5 des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Nahezu nahtlos startet ’Goodbye Blue Sky’. Wer auf den Trickfilm von Gerald Scarfe gewartet hatte, wurde allerdings enttäuscht. Roger Waters hat auch diesen Song genutzt um ihn seinen aktuellen Intensionen anzupassen. Über die Mauer und den runden LED-Screen läuft ein neuer stark grafisch aussehender Trickfilm. Eine moderne Bomberstaffel scheint in fünf Reihen anzufliegen.
Plötzlich öffnen sich die Bombenabwurfschächte unter den Maschinen. In gleißend rotem Licht deutlich zu erkennen. Aus den Bombern fallen jedoch keine herkömmlichen Sprengkörper sondern die Symbole der Industrie (z. B. die Shell-Muschel und der Merzedes-Stern) und der großen Weltreligionen (das Kreuz und der Halbmond). Wie in einem 4D-Kino fallen von oben rote Konfetti-Schnipsel von der Hallendecke über die Zuschauer im Innenbereich der Halle. Sie sind etwa 6,5cm groß, bestehen aus leichtem, rot eingefärbten Papier und (wie ich später feststellen konnte) gab es insgesamt fünf unterschiedliche Formen: Das Kreuz, der Halbmond, die Shell-Muschel, das Dollar-Zeichen und den sechseckigen Stern der Juden. Diese Symbole wabern auch im Trickfilm über die bestehende Mauer.
Bericht Teil 6 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Teil 6 des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Weiter gehts mit Seite 3 der LP - für alle, die sich noch an die Wall-LP erinnern...
Die Pause dauerte etwa 30 Minuten. Eine Stimme aus den Saallautsprechern machte darauf aufmerksam, dass der zweite Teil der Show in Kürze beginnen würde und empfahl dem Publikum die Plätze wieder einzunehmen.
Die Videobeamer hatten mit der Projektion der Kriegs- und Gewaltopfer geendet und stattdessen wurde auf die Pappmauer der Bühne eine massive Steinmauer wie man sie am Ende des Alan-Parker-Spielfilms ’Pink Floyd – The Wall’ sehen kann projiziert. Tatsächlich hatte man nun den Eindruck, dass die kurz zuvor noch offensichtlich fragile Mauer einem massiven Granitbollwerk gewichen war.
Kurze Zeit später verlosch die Hallenbeleuchtung und tauchte die Zuschauer wieder in die gewohnte Dunkelheit. Die Granitmauer leuchtete bläulich auf. Dunkle Schattierungen sorgten dafür, dass man den Eindruck einer schmutzigen, schattigen, alten Mauer bekam.
Bericht Teil 7 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Teil 7 des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Zum ersten Mal war der Backgroundchor der Venice-Mitglieder Kipp, Mark und Pat Lennon sowie das Wall-Urgestein Jon Joyce beim Song ’The Show Must Go On’ tatsächlich auch Teil der Show. Komplett in schwarz gekleidet, alle mit Sonnenbrille und ’Crossed Hammer’-Logo-Armbinde am linken Arm intonierten sie ihren kurzen Auftritt in fahlem Licht. Die Mauer wurde durch die Projektion zu einem massiven, imponierenden und größenwahnsinnigen Bauwerk im Stile des deutschen NS-Architekten Albert Speer.
Eine perfekte Kulisse für den Auftritt von Waters zum nun folgenden Song ’In The Flesh’. Die Band hatte ihre Position vor der Mauer eingenommen und wie erwartet tauchte hier aus der Dunkelheit der linken Hallenhälfte das fliegende Schwein auf. Dieses Mal völlig schwarz, mit dem Hammer-Logo auf beiden Seiten, Graffitis und den Insignien der modernen Zivilisation und des Kapitalismus versehen: Das rote Dollarzeichen prangte gut sichtbar auf dem ferngesteuerten, fliegenden Tier. Waters verwendete hier offensichtlich die gleiche Technik wie bei dem Astronaut seiner letzten Tour: Das mit Helium im Gleichgewicht gehaltene Tier konnte quer durch die gesamte Halle dirigiert werden – eine deutliche Weiterentwicklung zu den Original-Wallshows von Pink Floyd bei denen das Schwein mit einem Kran an einem Seil lediglich über die vorderen Reihen schweben konnte.
Bericht Teil 8 vom 21.09.2010 - Chicago 'United Center'
Teil 8 des Konzertberichts von unseren Forumsmitschreibern Martin und Andreas
Und hier der krönende Abschluß:
Die Ablenkung des Publikums durch den kraftvollen Hammer-Trickfilm ermöglichte der Crew das Equipment der Musiker unbemerkt in Sicherheit zu bringen. Ich habe dieses Mal nicht genau darauf geachtet wie dies geschehen ist, gehe jedoch davon aus, dass diese Arbeit – wie bei den Shows 1980/81 – aufgrund der knappen Zeit über eine hydraulischen Hebebühne realisiert wurde und der gesamte technische Aufbau mit allen Instrumenten einfach zunächst von unten nach oben und später wieder nach unten gehievt werden konnte.
Auf der Mauer wurde die von Scarfe animierte Gerichtsszene ’The Trial’ gezeigt. Lediglich Waters war auf der vorderen Bühne verblieben und sang die einzelnen Parts des Anklägers und der Zeugen. Der Film unterschied sich nur in zwei Aspekten. Diese waren jedoch äußerst bemerkenswert und ein absolutes weiteres optisches Highlight der Show. Als die emotionale Situation von Pink mit den Worten „Crazy toys in the attic I am crazy, Truly gone fishing, They must have taken my marbles away, Crazy toys in the attic he is crazy“ schildert, und das Publikum hier eigentlich das Ahornblatt erwartet welches sich in einen nackten Mann und mit der nächsten Drehung wieder in ein Blatt verwandelt, schien sich plötzlich die gesamte Mauer über die Längsachse zu drehen. Als die Rückseite der Wand, die im Stil der ehemaligen Berliner Mauer mit Graffitis übersäht war, sichtbar wurde, hockt dort in der Dunkelheit ein dreidimensional wirkender, zusammengekauerter riesiger Pink in der Mauermitte, der plötzlich von einem grellen Spot erfasst wurde. Pink erschrak sich vor dem Licht, schützte seine Augen und streckte dem Publikum den Mittelfinger entgegen.